"Begegnung" - Pilgerreise des Pfarrverbands nach Rom

Dienstag

Psalm 122 gehört zum festen Repertoire der Jerusalem-Pilger. Auch Jesus, der Jahr für Jahr in die Heilige Stadt gezogen ist, hat diesen Psalm gebetet und meditiert. Es ist ein Lied des Ankommens. „Schon stehen wir in deinen Toren“, singt und betet der Wallfahrer. Er ist am Ziel seiner Pilgerreise an­ge­kommen und schaut mit dem Psalmendichter auf den Anfang seines We­ges zurück. Da ist von Vorfreude die Rede; von einer Freude, aufzubrechen, um Gott zu begegnen, um sich ihm zu zeigen und zu demonstrieren: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Diese freudige Aufbruchsstimmung ist am Zielort erfüllt und übertroffen.

 

Wir beten den Psalm am Beginn unserer Wallfahrt und lassen uns anstecken von der Vorfreude. Die Erfahrung des Psalmbeters lässt hoffen, selbst eine ähnliche Erfahrung bei der Ankunft zu machen. Die Vorfreude des Psalms macht neugierig: Was werden wir am Zielort erleben? Wie wird der Weg dorthin sein? In welchen Worten wird Gott uns beim Gehen innerlich an­rüh­ren, in welchen Erfahrungen, in welchen Landschaftsmotiven und Schöp­fungs­bildern? Vorfreude ist ein Gespannt-sein, ein Neugierig-sein, eine zu­ver­sichtliche Offenheit.

 

Im Volksmund heißt es: „Pilgern ist Beten mit den Füßen.“ Bereits im Aufbruch steckt Frömmigkeit, nämlich die Bereitschaft und der Wille, Gottes alltäglichen Ruf zu beantworten. Das Unterwegs-sein ist die sichtbare – und in den Füßen dann auch spürbare – Antwort. Jeder Schritt bringt uns dem Ziel näher: Rom, unserem persönlichen Jerusalem. Jerusalem heißt zu Deutsch „Stadt des Heils“ oder „Stätte des Friedens“. Wir sind unterwegs, um Gott zu begegnen und um in der Begegnung Frieden für die Seele zu finden. „Friede sei in deinen Mauern“ ist für die kommenden Tage unser Wunsch, am Ziel diesen tiefen Frieden vorzufinden und mitnehmen zu dürfen.

 

 

Mittwoch

So so, sie hält also ihren vertrauten Meister für den Gärtner... So doof, wie manche Hörer des Evangeliums Maria Magdalena finden, ist sie aber gar nicht. Und sie hat sogar ein Stück weit recht mit ihrer Vermutung.

 

Maria Magdalena kniet auf der Erde, das Unkraut in ihrem Leben vor Augen und dem Boden der Tatsachen und der Nieder­ge­schla­genheit näher als dem Himmel. Und dann ist da jemand im Garten und zwar einer, der diesem Stück Erde etwas Lebendiges verleiht und durch den etwas wächst und aufblüht. Ja, dieser unerwartet Auferstandene ist ein Gärtner.

 

Der Künstler hat in dem Bild eines Seitenaltars in Santa Maria Sopra Minerva unweit des Pantheons seiner Fantasie freien Lauf gelassen. Da sieht man Jesus mit einem Spaten in der Hand und einem Hut, der ihn bei der Gartenarbeit vor der Mittags­hitze schützen wird.

 

Christus als Gärtner erinnert an den Garten Eden. Gott legt im Buch Genesis, Kapitel 2, einen Paradiesgarten an, in den er den Menschen setzt, den er zuvor aus Erde geformt hat. Die weitere Geschichte ist bekannt: der Mensch verlässt diesen Garten und wird sterblich. Der auferstandene Christus trägt den Spaten in der Hand, um den aus Erde gemachten Menschen noch größer und schöner als zuvor zu schaffen, nämlich als Lebewesen, das für die Ewigkeit geschaffen ist. Und er stellt schließlich den Paradiesgarten wieder her, eine blühende Umgebung, damit alle, die durch den Glauben in diesen Garten eintreten, dem Himmel entgegenwachsen können.

 

 

 

Donnerstag

Kneif mich mal! – Manche Situationen erscheinen unwirklich, wie ein Traum und zu schön, um wahr zu sein. Man erlebt etwas Wunderbares, kann es aber gar nicht recht glauben. Man will gekniffen werden, um zu spüren, dass das Erleben real und keine Einbildung ist.

 

So ergeht es auch den Jüngern mit dem auferstandenen Christus. Dass er tatsächlich da ist, ihrer Niedergeschlagenheit die Begrün­dung entzieht und ihnen eine völlig neue Lebensperspektive vermittelt, können sie kaum fassen. Einige hatten Zweifel, heißt es. Sie werden zwar nicht gekniffen, aber Jesus lässt die Jünger spüren, dass sie sich nicht in einem Traum befinden. Er zeigt ihnen als Beweis seine verwundeten Hände und Füße und er isst, was sie ihm geben.

 

In diesen Tagen erleben wir als Pilger unwahrscheinlich viel, darunter viel Spirituelles – Momente, in denen wir wie die Jünger dem lebendigen Gott begegnen. Unsere Aufgabe kann es sein, uns selbst und uns gegenseitig im übertragenen Sinn zu kneifen, uns bewusst zu machen, dass das kein Traum und schon gar keine Einbildung ist.

 

Wenn wir nach dieser Wallfahrt in unseren Alltag zurückkehren, können wir davon Zeugnis geben, so wie es auch die Jünger machen sollen. Und dann dürfen wir das Evangelium als Einladung verstehen, nicht nur jene Situa­tionen als wirklich anzusehen, in denen wir uns tierisch aufregen, sondern vor allem die Momente zu spüren und bewusst zu erleben, in denen uns Gott mit Leben und Freude begegnet.

 

 

 

Freitag

Am Mittwoch war es Maria Magdalena, gestern waren es die staunenden und zweifelnden Jünger, heute sind es die arbei­tenden Apostel, denen Jesus begegnet. Die Osteroktav, an­ge­fangen bei den Frauen am Grab und den Emmausjüngern, steckt voller Begegnungen. Und die sind so verschieden, dass jeder sich beim Hören oder Lesen dieser Berichte mit seiner eigenen Situation wiederfindet.

 

Der heutige Osterbericht spricht all diejenigen an, die arbeiten bis zum Umfallen. Es ist ein Evangelium für überlastete Hausfrauen und Mütter, für gestresste Arbeitnehmer und ausgebrannte Selbstständige, für frustrierte Seelsorger und all diejenigen, die sich fragen, was sie im Leben erreicht haben und wofür sie sich überhaupt angestrengt haben.

 

Jesus begegnet nicht den Erfolgreichen, sondern denen, die zunächst mit leeren Händen dastehen und sich vorkommen wie jemand, der versagt hat. Das Wunder ist ein dreifaches Wunder: es besteht erstens in der Ermu­tigung, es immer und immer wieder zu versuchen, zweitens in den 153 großen Fischen und drittens darin, dass die Jünger gar nicht von ihrem Erfolg leben.

 

Die Fischer haben zwar viel gefangen, aber das macht sie nicht satt. Satt macht sie das, was bereits auf dem Kohlenfeuer liegt, als sie heimkommen – es ist das, was Jesus anzubieten hat.

 

 

 

Samstag

Es gab und gibt immer wieder eine Zeit des Motzens und Meckerns: man klagt und jammert und hadert. Es sollte nicht zur Grundeinstellung werden, aber manchmal muss es eben raus. Als Kaplan hab ich vor meinem geistlichen Begleiter einmal rumgeschimpft wie ein Rohrspatz. Über den Pfarrer, die Sekretärin, den Mesner, die Leute, die Schüler, das Ordinariat und so weiter. Weil‘s mir dann am Ende irgendwie selber peinlich war, hab ich angefügt: „Wahrscheinlich ist das nur Jammern auf hohem Niveau – anderen geht es bestimmt schlechter!“

Der Geistliche Begleiter meinte darauf: „Ja, es gibt Leute, denen muss ein Bein abgenommen werden, und du verbrennst dich nur an einer Pfanne. Und trotzdem tut die Brandwunde scheiße weh! Red deine Wunden nicht klein!“

Auch in der Begegnung des Thomas mit dem Auferstandenen geht es um Wunden. Und zwar nicht nur um die Wundmale Jesu an Händen und Füßen und an der Seite. Denn der eigentlich Verletzte ist Thomas: Er hat die frohmachende Erfahrung der anderen Apostel letzten Sonntag nicht ge­macht und spürt, dass er was verpasst hat; er ist verletzt, weil er orientierungslos ist und nicht weiß, wie es weitergehen soll ohne die Gewohnheit, mit Jesus umherzuziehen; er fühlt sich verletzt, ausgegrenzt und „gedisst“; er ist auch ein Stück weit eifersüchtig, weil er dieses neue Leben und diese neue Begeisterung der anderen nicht in sich spürt. Viel­leicht fühlt er sich von dem Retter und Messias Jesus nach dessen Tod und der ausbleibenden Rettung auch richtig verarscht.

Wenn Jesus seine Wundmale berühren lässt, ist das mehr, als dem anderen einfach nur zu verstehen zu geben: „Ich hab mehr gelitten als du. Was jammerst du hier so rum?!“ In der Berührung der Wunden Jesu darf Thomas spüren, mit seinen eigenen quälenden Fragen und mit seiner eigenen Verletzung, bei der ersten Begegnung mit dem Auferstanden nicht dabei gewesen zu sein, ernst genommen zu werden. Jesus macht bewusst: „Ich bin dir, dem Verletzten, nahe - und zwar nicht als glorreicher Klugscheißer, der keine Ahnung von deinem Leid hat, sondern als Verletzter, der weiß, wie du dich fühlst.“

Der Apostel soll die Wunden Jesu berühren, um zu spüren, dass der verletzte Jesus den verletzten Thomas versteht. Red deine Wunden nicht klein. Red von ihnen vor dem, der dich versteht.